#1 suchtimpuls
Sucht und die Angst, für die es keine Worte gibt
aus der Reihe: Warum bin ich süchtig?
Viele Menschen stellen sich irgendwann die Frage: Warum bin ich süchtig?
In dieser Folge der psychodynamischen Kolumne geht es um Angstgefühle, für die oft die richtigen Worte fehlen.
Triggerwarnung: Die Inhalte können emotional aufwühlen. Bitte prüfen Sie, ob Inhalte, die Überschneidungen mit Ihrer eigenen Geschichte aufweisen, aktuell gut für Sie sind.
Schlagworte: psychologische Ursachen von Sucht, Beziehungserfahrungen, Bindung, emotionale Bedürfnisse, Sucht und Angst, Sucht verstehen
Sucht und die Angst, für die es keine Worte gibt
Haben Sie schon einmal existenzielle Angst erlebt?
Damit meine ich nicht finanzielle Sorgen oder alltägliche Ängste – wenngleich auch diese zu einer enormen Belastung werden können.
Ich meine eine Angst, die so tief in das seelische Fundament eingestanzt ist, dass sie seelische Schmerzen verursacht und dabei nicht klar benannt werden kann.
In Gesprächen mit betroffenen Klient:innen wirkt es oft wie ein kräftezehrendes Ringen darum, mir gegenüber die eigene seelische Not in Worte fassen zu wollen – und gleichzeitig scheint kein vertrautes Wort der Tragweite dieser inneren Erschütterung gerecht zu werden.
Angstgefühle, für die es keine Worte gibt
Dennoch möchte ich versuchen, Ihnen - werte Leserschaft - einige Beschreibungen anzubieten, die im Therapiegespräch zumindest in die Nähe des Unaushaltbaren kommen:
Verzweiflung.
Innere Leere.
Quälende Unruhe.
Hinzu kommt häufig die Angst, dass die Therapeutin am Ende doch nicht „versteht“.
Denn wie soll jemand etwas verstehen, das Betroffene selbst nicht versprachlichen können?
Woran liegt das?
Ich bin der Auffassung, dass hier prägende Erfahrungen eine zentrale Rolle spielen, die noch vor der Entwicklung unserer kognitiven Fähigkeit zur Versprachlichung gemacht wurden.
Erfahrungen vor der Sprache
Ein Beispiel:
Ein Säugling spürt, dass eine Mutter versorgt, beschützt und liebevoll ist – lange bevor er diese Begriffe bewusst denken oder aussprechen kann.
Ein Baby spürt, dass seine Mutter seine Mutter ist, noch bevor es das Wort „Mama“ lernt.
Doch was geschieht, wenn diese Erfahrung fehlt?
Wenn das Versorgt-Werden, das Beschützt-Werden oder das liebevolle Behandelt-Werden nicht verlässlich gegeben ist – oder sogar existenziell bedroht wird?
Was, wenn es keine Sicherheit darin gab, ob grundlegende Bedürfnisse erfüllt werden?
Wenn Sicherheit fehlt
Haben die Lebensumstände und die Eigenschaften der Eltern oder Bezugspersonen es ermöglicht, friedvollen Schlaf zu finden?
War Angst ein dauerhafter Begleiter im Elternhaus – etwa in Kriegszeiten?
Gab es Gefahren, die ein sicheres Schlafen jederzeit unterbrechen konnten?
War die Versorgung zuverlässig?
Wurde Hunger gestillt?
Wurde das Bedürfnis nach Körperkontakt und Zuwendung regelmäßig befriedigt?
Bedenken Sie - werte Leserschaft:
Hunger, ein wunder Po, fehlendes Kuscheln und Getragen-werden oder das Ignorieren des Weinens des Kindes fühlen sich für ein Baby existenziell bedrohlich an.
Aufgrund seiner absoluten Abhängigkeit vom Verhalten der Versorgungspersonen scheint es instinktiv zu spüren:
Werde ich nicht versorgt, dann werde ich sterben.
Ein bedrohliches Vernichtungsgefühl kann zurückbleiben – eines, das sich umso tiefer in das seelische Fundament eingraviert, je häufiger oder intensiver es erlebt wird.
Stellen wir uns nun vor, solche Erfahrungen werden gemacht, bevor Gefühle differenziert wahrgenommen und in Worte gefasst werden können.
Die Folge: Angstgefühle, für die es keine Worte gibt.
Eine Urangst, die sich kaum beschreiben lässt und nur schwer auszuhalten ist.
Bei dieser Urangst scheinen sich die Fragen „Bin ich sicher?" und "Bist du verlässlich für mich da?“ – insbesondere im zwischenmenschlichen Bereich – immer wieder schmerzhaft zu reaktivieren.
Vor allem in realen oder befürchteten Situationen des Verlassen-Werdens zeigt sich diese Angst in bedrohlichem Ausmaß.
Beziehungen – ob Liebesbeziehungen, Freundschaften oder familiäre Bindungen – können dann geprägt sein von dem blitzartigen Wiederauftauchen der Angst, verlassen oder vergessen zu werden.
Und letztlich berührt diese Angst eine der tiefsten menschlichen Befürchtungen:
Am Ende nichtig zu sein – also nichts.
Da ist er wieder, dieser Begriff, der sich kaum begreifen lässt.
Nichtig-sein.
Nicht-sein.
Die Angst vor dem Ver-nichtet-Werden.
Nichtig-sein ist – genauso wie Wichtig-sein – etwas, das nur in zwischenmenschlicher Resonanz erfahrbar wird. Es entsteht dort, wo ein Mensch, von dem ich abhängig bin, mir und meinen Bedürfnissen Bedeutung zuschreibt – oder sie mir entzieht.
Wird mir Wichtigkeit zugeschrieben, entwickle ich auch selbst die Überzeugung, jemand zu sein, der für andere Bedeutung hat.
Wird mir hingegen Nichtigkeit vermittelt – etwa indem meine Bedürfnisse dauerhaft missachtet werden –, bleibt eine andere Erfahrung zurück:
dass ein anderer Mensch meine Nichtigkeit herbeiführen kann.
Diese Erfahrung kann ein Leben lang wirksam bleiben.
Die Angst vor der Reaktivierung des Vernichtungsgefühls ist dann zumindest latent vorhanden – und die Reaktivierung selbst oft mit starker Unaushaltbarkeit verbunden.
Das Gefühl innerer Leere lässt sich vielleicht am ehesten als ein Wiederauftauchen dieses Nichtig- oder Nicht-Seins verstehen.
Es zeigt sich immer dann, wenn in einer Beziehung fehlende Resonanz gespürt oder auch nur befürchtet wird.
Warum Sucht später beruhigend wirken kann
Stellen Sie sich nun – werte Leserschaft – ein menschliches Nervensystem vor, das auf diese Weise geprägt wurde.
Einen Menschen, dessen Unversehrtheit früh in Gefahr war.
Dessen Nervensystem im späteren Alltag alte Gefühle reproduziert, sobald eine Situation auch nur entfernt an Verlassen-Sein oder Nicht-Gesehen-Werden erinnert.
Einen Menschen, der keine ausreichende Fähigkeit zur Selbstberuhigung entwickeln konnte, weil es zu wenig verlässliche Beruhigung von außen gab.
Wen könnte es da noch wundern, dass die Anfälligkeit gegenüber beruhigenden Substanzen – allen voran Alkohol, Beruhigungsmedikamente oder Opiate – deutlich erhöht ist?
Diese Kolumne ist Teil eines fortlaufenden publizistischen Formats.
Eine Veröffentlichung oder Adaption in Print- oder Online-Medien
ist nach Absprache möglich.
Dies war ein Impuls aus der psychodynamischen Kolumne: #suchtimpuls · Warum bin ich süchtig?
Für Menschen, die über das Lesen hinausgehen möchten, eröffnet der Online-Kurs #suchtfrei einen vertiefenden Raum: einen Rahmen, in dem die eigene Suchtdynamik differenziert betrachtet und behutsam neue innere Handlungsspielräume entwickelt werden können.