#2 suchtimpuls

Sucht und die Frage „Hast du mich lieb?“

aus der Reihe: Warum bin ich süchtig?

Viele Menschen stellen sich irgendwann die Frage: Warum bin ich süchtig?
In dieser Folge der psychodynamischen Kolumne geht es um das notwendige Gefühl, geliebt zu werden.


Triggerwarnung: Die Inhalte können emotional aufwühlen. Bitte prüfen Sie, ob Inhalte, die Überschneidungen mit Ihrer eigenen Geschichte aufweisen, aktuell gut für Sie sind. 

Schlagworte: Sucht verstehen, psychologische Ursachen von Sucht,  Beziehungserfahrungen, Bindung, Selbstwert, emotionale Bedürfnisse, Sucht und Depression 

Sucht und die Frage „Hast du mich lieb?“

Haben Sie schon einmal bemerkt, wie tief die Frage gehen kann:

„Hast du mich lieb?“

Vielleicht haben Sie diese Frage als Kind gestellt.
Vielleicht haben Sie sie später nicht mehr laut ausgesprochen.

Doch manchmal bleibt sie dennoch im Inneren bestehen.

Still.
Unausgesprochen.
Und erstaunlich wirkmächtig.

Denn hinter dieser Frage verbirgt sich oft eine andere, noch persönlichere:

Bin ich liebenswert?

Eine Frage, die viele Menschen ein Leben lang begleitet.


Die Suche nach einem liebenden Blick

Kinder stellen diese Frage nicht immer in Worten.

Oft zeigen sie sie in kleinen Gesten.

Ein Blick zum Gesicht der Mutter.
Ein vorsichtiges Lächeln.
Der Wunsch, gesehen zu werden.

Es ist der Versuch herauszufinden:

Bedeutet meine Anwesenheit etwas für dich?
Freust du dich über mich?

Oder anders gesagt:

Bin ich jemand, den man liebhaben kann?


Die Antwort auf diese Frage entsteht selten in einem einzigen Moment.

Sie entsteht über viele kleine Begegnungen.

Über Blicke.
Über Zuwendung.
Über die Art, wie jemand reagiert, wenn ein Kind Nähe sucht.


Wenn die Antwort unklar bleibt

Manche Menschen wachsen mit der Erfahrung auf, dass diese Frage meist still beantwortet wird.

Mit Wärme.
Mit Zuneigung.
Mit einem Gefühl von Willkommen-Sein.

Doch nicht jeder Mensch erlebt das so.

Manchmal bleibt die Antwort widersprüchlich.

Vielleicht gibt es Momente von Nähe –
aber ebenso Momente von Zurückweisung.

Vielleicht wird Zuneigung nur dann gezeigt, wenn Erwartungen erfüllt werden.

Vielleicht wirkt das Gegenüber oft abwesend, kühl oder unberührbar.

Was bleibt dann bei einem Kind zurück?

Oft ein leises Gefühl von Unsicherheit.

Ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt.


Eine Frage, die sich nach innen richtet

Wenn ein Kind keine klare Antwort bekommt, beginnt es irgendwann, die Frage nach innen zu richten.

Nicht mehr:

Hast du mich lieb?

Sondern:

Bin ich überhaupt jemand, den man liebhaben kann?

Diese Verschiebung ist bedeutsam.

Denn sie verändert etwas Grundlegendes im inneren Erleben.

Die Unsicherheit liegt nun nicht mehr nur im Verhalten des anderen Menschen.

Sie liegt im eigenen Wertgefühl.


Sehnsucht und Vorsicht

Viele Menschen tragen diese Unsicherheit auch im Erwachsenenleben noch mit sich.

Sie wünschen sich Nähe.
Sie wünschen sich gesehen zu werden.

Und gleichzeitig entsteht oft eine Vorsicht.

Eine stille Zurückhaltung.

Denn wer einmal erlebt hat, dass Zuneigung unsicher sein kann, entwickelt häufig einen inneren Schutz.

Vielleicht zeigt man nicht zu deutlich, wie sehr man jemanden braucht.

Vielleicht vermeidet man Situationen, in denen man sich abhängig fühlen könnte.

Vielleicht tut man so, als würde man niemanden wirklich brauchen.

Doch die Sehnsucht verschwindet dadurch nicht.


Der Schmerz hinter der Frage

In therapeutischen Gesprächen zeigt sich manchmal etwas Berührendes.

Viele Menschen mit einer Suchterkrankung tragen eine sehr alte Frage in sich.

Nicht laut ausgesprochen.

Aber dennoch spürbar.

Bin ich jemand, den man wirklich liebhaben kann?

Diese Frage kann eine tiefe Empfindlichkeit entstehen lassen.

Kleine Zeichen von Zurückweisung können dann sehr schmerzhaft wirken.

Ein distanzierter Blick.
Ein ausbleibender Anruf.
Ein Gefühl, nicht wichtig zu sein.

Solche Momente berühren etwas Altes.

Etwas, das schon viel früher entstanden sein kann.


Warum Sucht beruhigend wirken kann

Stellen Sie sich nun – werte Leserschaft – einen Menschen vor, der mit dieser inneren Unsicherheit lebt.

Jemanden, der sich Verbundenheit wünscht, aber gleichzeitig befürchtet, sie nie zu erhalten.

Ein Nervensystem, das immer wieder auf kleine Zeichen von Distanz reagiert.

Mit Schmerz.
Mit Enttäuschung.
Mit innerer Unruhe.

Und nun stellen Sie sich vor, dieser Mensch entdeckt etwas, das diese Gefühle schnell beruhigt.

Etwas, das den Schmerz für einen Moment leiser macht.

Etwas, das nicht fragt, ob man liebenswert ist.

Alkohol kann eine solche Wirkung haben.

Auch andere Substanzen.

Sie verändern das innere Empfinden.

Sie dämpfen Zweifel.

Sie lassen den schmerzhaften Gedanken für eine Weile in den Hintergrund treten.


Eine scheinbar einfache Lösung

Gerade weil diese Wirkung so unmittelbar ist, kann sie eine große Erleichterung darstellen.

Die Substanz stellt keine Fragen.

Sie bewertet nicht.

Sie zieht sich nicht zurück.

Sie wirkt einfach.

Doch diese Erleichterung bleibt meist nicht ohne Folgen.

Denn während sie kurzfristig beruhigt, bleibt die ursprüngliche Frage bestehen.


Die eigentliche Frage hinter der Sucht

Vielleicht hilft es, Suchterkrankungen manchmal aus dieser Perspektive zu betrachten.

Nicht nur als problematischen Konsum.

Sondern auch als einen Versuch, mit einer sehr menschlichen Unsicherheit umzugehen.

Mit der Frage:

Bin ich jemand, den man wirklich liebhaben kann?

Der Weg aus einer Suchtdynamik bedeutet deshalb oft mehr als Abstinenz.

Er bedeutet auch, eine neue Erfahrung zu machen.

Die Erfahrung, dass Zuneigung nicht verdient werden muss.

Dass man liebenswert ist –
einfach als Mensch.

Und vielleicht kann sich dann langsam auch die alte Frage verändern.

Aus dem unsicheren:

Hast du mich wirklich lieb?

wird mit der Zeit etwas anderes.

Ein vorsichtiges Vertrauen:

Vielleicht bin ich tatsächlich jemand, den man liebhaben kann.



Diese Kolumne ist Teil eines fortlaufenden publizistischen Formats.
Eine Veröffentlichung oder Adaption in Print- oder Online-Medien

 ist nach Absprache möglich. 

Dies war ein Impuls aus der psychodynamischen Kolumne: #suchtimpuls · Warum bin ich süchtig?

 
Für Menschen, die über das Lesen hinausgehen möchten, eröffnet der Online-Kurs #suchtfrei einen vertiefenden Raum: einen Rahmen, in dem die eigene Suchtdynamik differenziert betrachtet und behutsam neue innere Handlungsspielräume entwickelt werden können.